Archiv: Zugewinnausgleich und der richtige Zeitpunkt

Juni 2021

Ein wichtiger Themenbereich bei einer Trennung bzw. Scheidung ist die sog. "Vermögensauseinandersetzung", mit anderen Worten: "Wie dividieren wir das in der Partnerschaft gebundene Vermögen wieder auseinander?" Und sofort stellt sich auch gleich die Frage "WANN sollte die Vermögensaufteilung bei Trennung stattfinden?" Wann ist also der richtige Zeitpunkt?

Da es um nicht weniger als ein Vermögen geht, für das man vielleicht schon viele Jahre hart gearbeitet und gespart hat, stürzen sich viele Männer mit großem Elan auf dieses Thema und müssen nicht selten schmerzhaft erfahren, daß ganz andere Dinge in Familiengerichtsverfahren vorgezogen werden, z.B. Kindesumgang oder Unterhalt. Hier gilt es also, die individuell richtige Reihenfolge der einzelnen Verfahren zu finden.
Rechtsanwälte sind in diesem Zusammenhang aus unserer Erfahrung die denkbar schlechtesten Berater. Sie sind i.d.R. einzelverfahrengetriggert (und werden ja auch nach einzelnen Aktenzeichen vergütet). Da fehlt fast immer die ganzheitlich ausgerichtete Linie, ganz zu schweigen von einer Strategie.
Ist erst einmal das Thema Unterhalt "vergeigt" und die Liquidität des Mannes für Jahre ausgehöhlt, hat man bspw. bez. der Immobilie womöglich keinerlei Handlungsspielraum mehr. Das Haus wäre sicher nicht davongelaufen, wenn man zuerst den Unterhalt optimiert hätte. MSI schaut sich daher grundsätzlich zuerst die Gesamtsituation an, um dann eine sinnvolle Reihenfolge der zu bearbeitenden Themen vorzuschlagen. Daraus abgeleitet ergibt sich der richtige bzw. ein günstiger Zeitpunkt.

Bei unverheirateten Paaren gestaltet sich die Vermögensauseinandersetzung einfacher: Jeder nimmt das mit, was er in die Partnerschaft eingebracht oder bezahlt hat. In der Praxis wird das manchmal (vor allem von Frauen) auch interpretiert als: Jeder nimmt mit, was er sich als erster unter den Nagel reißen kann. Rechtlich ist das natürlich nicht i.O., leider gilt aber viel zu oft die Devise "Frechheit siegt".
Besonders einfach ist die Vermögensteilung, wenn die Frau es schon während der Partnerschaft fertiggebracht hat, alles für sinnlosen Tand (Damenschuhe, Billigklamotten, Konsumentenkredit für den "Family Van", Pauschalurlaube etc.) zu verjubeln. Wo nichts ist, gibt's nichts mehr zu teilen.

Bei verheirateten Paaren kommt der Begriff "Zugewinnausgleich" ins Spiel (wir gehen jetzt 'mal vom Ehe-Standardmodell der Zugewinngemeinschaft aus). Was ist ein Zugewinnausgleich? Muß ein Zugewinnausgleich gemacht werden? Wann macht man einen Zugewinnausgleich? Wie wird der Zugewinnausgleich berechnet? Gibt es legale Tricks beim Zugewinnausgleich?

Der Gesetzgeber geht davon aus, daß während der Ehe das Vermögen gleichberechtigt erwirtschaftet wurde. Selbst wenn nur der Mann das Geld verdient hat, hat die Frau einen gleichwertigen Beitrag geleistet: Sie hat das Geld sparsam ausgegeben, hat vorbildlich die Kinder erzogen, täglich ihr Bestes als Hausfrau beim Kochen und Backen gegeben, die Wohnung geputzt und dem Mann erstklassigen Sex geboten. Da dies die eheliche Realität sicher gut abbilden dürfte, ist es auch legitim, die Frau am erwirtschafteten Vermögen zu beteiligen.
Dies passiert nicht automatisch. Der Zugewinnausgleich kommt also nur, wenn ihn einer beantragt. Das kann vor dem Scheidungstermin sein, aber auch noch danach.

Bei der Berechnung des Zugewinnausgleichs sind viele Faktoren zu berücksichtigen: Wer hat was und wieviel in die Ehe eingebracht? Wer nimmt was aus der Ehe mit? Gab es Schenkungen oder Erbschaften? Inflationsentwicklung? Vermögensverschiebungen zwischen Trennung und Scheidung?
Es gibt zwar keinen negativen Zugewinn, aber seit der Reform des deutschen Zugewinnausgleichsrechts 2009 sind auch negative Werte beim der Berechnung zugrunde liegenden Anfangsvermögen oder Endvermögen zulässig. Somit kann selbst bei negativen End- und Anfangswerten ein positiver Zugewinn herauskommen (wenn bspw. während der Ehezeit Schulden gemeinsam abgebaut wurden).

Man merkt, daß die Materie schnell komplex wird, so daß die Frage nach Tricks beim Zugewinnausgleich zu beantworten ist mit: Ja, es gibt Raum für Gestaltungsmöglichkeiten. Letztendlich reden wir über die Aufteilung eines u.U. über viele Jahre aufgebauten Vermögens. Wer das leichtfertig abwickelt, um nur flott geschieden zu werden und Ruhe zu bekommen, verschenkt womöglich tausende von Euros an eine Frau, die es am wenigsten verdient hätte.


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